Vom Nur-Sein: Das Heiligste im Chaos- 12/55Thoughts -
Mein Atelier ist gerade eine einzige Baustelle. Seit anderthalb Wochen herrscht dort ein Chaos, das ich zum Kotzen finde. Ich habe schon wieder alles umgeräumt, Möbel gerückt, Stoffe gestapelt – und jetzt stehe ich vor den ungeordneten Räumen, lustlos, den nächsten Schritt zu tun.
Mein Verstand jammert: „Du verzettelst dich! Du bist unproduktiv! Du musst dein Business aufbauen, du musst präsent sein, du musst, du musst, du musst!“ Er will die gerade Linie. Er will, dass ich funktioniere, im klassischen Sinne produktiv bin.
Und genau damit geht mein Körper so gar nicht in Resonanz. Bei „Müssen“ und „Funktionieren“ zieht er die Notbremse. Mein Körper fordert Langsamkeit, Pausen, Erholung, Freude, Natur – Schlaf. Ich fühle, ich brauche gerade mehr die Musik als das Bild oder das Wort. Während mein Verstand mir erklärt, dass ich mir das gar nicht erlauben kann, verweigert mein Körper sozusagen den Dienst.
Ich weiß es, und doch ist es manchmal schwer für mich auszuhalten: Ich funktioniere nicht linear. Mein gesamtes Wesen bewegt sich in emotionalen Wellen.
In diesen zwei Wochen habe ich nichts „Künstlerisches“ geschaffen oder fertiggestellt. Ich habe mich um meine Gesundheit gekümmert, Freunde gesehen, den Hund gekrault, Stoffe und Wolle sortiert. Ich habe mein Lager mit all den Blättern, Leinwänden und Rahmen begutachtet – der Verstand würde sagen: „nichts getan“. Wenn ich kreativ war, dann nur in winzigen Häppchen – und hier hat immer die Musik gewonnen, nicht Pinsel, Wort oder Farbe.
„Nur-Sein“ und durch den Moment zu fließen ist für mich das schönste Gefühl. Sei es im Leben oder im kreativen Flow, in dem ich Zeit und Raum verliere. Aber dieses Fließen fühlt sich zwischendurch auch zäh an – natürlich nur, wenn der Kopf übernimmt. Dann überwiegt der Druck, weil ich mich in einem Vakuum fühle, während der Rest der Welt „schuftet und kämpft“.
Ich lerne gerade, meine emotionale Klarheit im Stillstand zu finden. Ich halte das Chaos im Atelier ebenso aus wie das Gefühl, im Vakuum zu leben – bis der Sog von selbst so groß wird, dass der erste Pinselstrich (oder dieses Essay heute) wieder Sinn ergibt. Produktivität bedeutet für mich heute nicht das Abarbeiten einer Linie, sondern das Vertrauen in die Welle.
Von Moment zu Moment das Leben leben. Einfach nur sein, inmitten der halbfertigen Räume, der vermeintlichen Unproduktivität – dafür aber im Raum der inneren Heilung und Erholung, die nächste Welle oder Mutation abwartend.
Unsere Gesellschaft hängt immer noch am „Schuften und Kämpfen“ und der Angst um das Überleben.
Aber was ist mit der Kunst? Die entsteht oft erst in der Stille des Vakuums. Aus meiner Sicht geschieht sie dann, wenn der innere Kampf zugunsten von etwas Größerem, Universellerem weichen kann.
Ich ehre heute meine Leere und das Chaos in mir, in meinen Räumen – und ich lade dich ein, dasselbe zu tun.
Denn dort ist der Ort, wo Schöpfung geschieht.









